Urlaub von Gott

 

Roman, Auszug

Martin Creutzig: "Ein echt schrilles Teil, dieser Roman! Da muss man schon einiges an menschlichem Schicksal wegstecken können." Der Roman spielt in Köln und die Firguren sind allesamt schräge Typen. Der Priester wird in seinem "Urlaub von Gott" ein schräger Typ und der Programmierer im Darknet ist es vielleicht noch mehr. Aber sie alle erwischt es eiskalt beim Versuch die katholische Kirche zu erpressen.....

 

 

 

Nicht lektoriert

 

2.Die stille Kirche

 

Auch am Samstag vor dem dritten Advent war der Weihnachtsmarkt in Aachen gerammelt voll. Tausende von Menschen schlängelten sich durch die schmal gewordenen Pfade entlang der Buden. Weihnachten war ein Traditionsfest und das Angebot der Buden war traditionell. Die Besucher erwarteten nichts Neues, jede Innovation wäre ein Sakrileg gewesen.  Sie freuten sich darauf in der Weihnachtszeit angekommen zu sein, dem Alltag entrückt, wenn auch nur für kurze Zeit.  Angekommen zuhause. Und gerade die, die just Trennungen hinter sich hatten, Rauswürfe, Krankheiten, Todesfälle oder andere Verwerfungen in ihrem Leben erleben mussten, freuten sich mit einem Kinderherz auf den Weihnachtsmarkt. Der Weihnachtsmarkt war ein geschützter Bereich im Leben der Menschen, egal ob sie nun an Gott glaubten oder nicht. Ein Weihnachtsmarkt war so profan, dass der Glaube keine Rolle spielte. Er war einfach da und vermittelte die Sicherheit des Althergebrachten, dessen, was jeder kannte. Der Weihnachtsmarkt war das Vorspiel für Weihnachten. Weihnachten der Familien mit kleinen Kindern, die mit großen Augen auf den geschmückten Baum sahen und noch nicht begriffen, was die Geschenke zu bedeuten hatten. Weihnachten setzte sich alljährlich fort mit den größeren Kindern, die immer noch nicht begriffen, was die Geschenke zu bedeuten hatten. Nun definierten sie die Inhalte der Pakete selbst zielsicher Wochen vorher, die dann  von Amazon geschickt eintrudelten. Weihnachten der Familien, die ihre Angehörigen nach meist fulminantem unter Stress hergestelltem  Essen und der Bescherung anriefen, um sich `Fröhliche Weihnachten` zu wünschen, manches Mal eine Pflichtübung am Telefon, die dann doch schon an den Nerven zehren konnte. Und zwar an den Nerven der Anrufenden wie auch der Angerufenen. Immerhin und deshalb gab es den ganzen Aufwand, sprach man in Floskeln miteinander, was selbst während des ganzen Jahres zuvor nicht gelungen war. Denn die üble Pflicht führte dazu, dass man überhaupt noch Kontakt miteinander hatte, den man während des ganzen Jahres von sich schob. Das alte `Vater-Unser`, das vom `Übel` sprach, das durch das lakonische `Böse` ersetzt wurde, war doch weit aus weiser. Denn vom Übel gab es weitaus mehr als vom Bösen.

 

Insofern war Weihnachten dann wirklich ein Kraftakt! Man hätte es auch lassen können. Allerdings wäre die Verbindung dann ganz erlegen. Das allerdings wollte man auch nicht, denn Blut war dicker als Wasser, zumindest zu Weihnachten! Jesus hätte sich in seiner Krippe vermutlich unwohl umgedreht oder zumindest später als er wusste, dass er der Sohn Gottes war, weil er es hätte nicht aushalten können, was in seinem Namen so alles passierte. Oder er hätte es mit einem Lächeln hingenommen.

 

Selbst getrennt lebende Familien rauften sich zu Weihnachten zusammen, um den  Kindern die nicht vorhandene Zusammengehörigkeit vorzuspielen, die sie ja ansonsten tagtäglich erlebten.

 

Die Bratwurst auf dem Weihnachtsmarkt war im Gegensatz dazu eine Wohltat der Einfachheit und Ehrlichkeit und der Glühwein auch. Sie schmeckte, wie sie schmecken musste.

 

Vor der Heilig-Kreuz-Kirche verteilten junge Leute Teelichte an die Passanten. Sie hatten wache Augen und sahen zu einem Teil großartig aus. Einigen war ein ausgeglichenes Wesen anzumerken, dessen innere Schönheit nach außen strahlte.

 

Einige Passanten nahmen die Teelichte einfach mit und andere gingen neugierig in den sakralen Bau. Die Heilig-Kreuz-Kirche befand sich nur unweit des Doms.

 

Nachdem die Besucher den Lärm des Weihnachtsmarkts hinter sich gelassen hatten, traten sie ein in eine unglaubliche Stille. Musik war zu hören. Leise Musik, melodisch, fast schon Lounge. Eine kleine Band spielte und ein Sänger sang Lieder, die sich nicht sakral anhörten sondern die Menschen mit den ruhigen Schwingungen eines  modernen  Lounge umgaben. Die Besucher gingen zum Altar und zündeten ihre Teelichte an anderen Teelichten an. So entstand ein Meer an Lichtern, das immer größer wurde. Jeder, der die Kirche betrat, erkannte sofort das Lichtermeer in der ansonsten stockfinsteren Kirche. Die Finsternis fühlte sich nicht bedrohlich an. Sie war ein Kokon, der jeden einzelnen Menschen einzuhüllen vermochte, um zu sich selbst zu finden.  Man musste nur dicht genug am Altar sein, um die Wirkung des Lichts, den Schutz der Finsternis für die eigene Seele zu erfahren, wenn erst die Musik den Zugang zu dieser geöffnet hatte.

 

Vor dem Altarraum standen minimalistische Höckerchen aus Holz, auf denen die Leute Platz nahmen oder sie setzten sich einfach auf den Steinboden. Die Stimmung in der Kirche war einfach großartig. Jeden, der hier hereinkam, verließ jede Hektik des Weihnachtsmarktes, jeder, der hier hereinkam, schaute nicht mehr auf seine Uhr und jeder, der hier war, fühlte Frieden.

 

So saßen viele Menschen  nebeneinander und kaum einer hatte den Wunsch zu sprechen. Ein Ort um bei sich zu sein. Eine Chance.

 

Links am Ausgang, bevor man die Kirche verließ, stand  ein Pappschild: "Beichte und Gespräche" stand darauf. Der katholische Priester Stefan Herrhausen sprach mit Menschen, die er nicht  kannte. Man konnte das Schild im Halbdunkel schlecht lesen. Die Herrschaft der Kerzen gab dem Dunklen im Raum die Zuversicht und den Gesprächssuchenden Schutz.  Es kamen an diesem Abend und in dieser Nacht viele Menschen zu ihm.

 

Ein Mann weinte, weil er seine Frau geschlagen hatte. Er war chronisch eifersüchtig und als er seine Frau im Gespräch mit dem Hausmeister erwischt hatte, war ihm die Sicherung durchgebrannt. Einer Kassenaufsicht im Hornbachmarkt war es gelungen sich binnen zwei Jahren eine Gehaltserhöhung von zwanzigtausend Euro  zu genehmigen, niemand hatte es bemerkt. Doch nun drückte ihr Gewissen. Allerdings zahlte ihr abhanden gekommener Mann auch keinen Cent Unterhalt für ihre drei Kinder, die ihren Vater nicht mehr zu Gesicht bekommen hatten. Ein rumänischer Katholik war verzweifelt, weil er die Wohnungen von Leuten in Köln aufbrach und klaute, was er in die Finger bekam. Er konnte damit aber nicht aufhören, weil ihn sein Boss wahrscheinlich totschlagen würde. Er weinte sehr. Ein kleines Mädchen von zehn Jahren hatte ihrem Schulnachbarn zwei Euro aus seiner Tasche geklaut. Sie war allein in der Kirche ohne Mutter oder Vater. Der Junge hatte kein Geld mehr, um sich ein Brötchen zu kaufen, denn er bekam zuhause meist kein Frühstück. Sie hatte sich von dem Geld Mars und Snickers gegönnt und war nun sehr traurig. Ein Mann von vierzig Jahren, schon seit drei Jahren von seiner Frau geschieden, war der Versuchung erlegen. Er war in ein Bordell nahe Köln gegangen und hatte mit einer Prostituierten geschlafen. Er war so zurückhaltend vorgegangen, dass die Frau nachfragte, ob das denn noch was werden würde oder nicht. Und dann war er mit seiner sehr zärtlichen Art der Bringer gewesen.  Aber trotzdem peinigte ihn sein Gewissen.

 

Alle wollten Vergebung von ihren Sünden. Und bei vielen erkannte er die Sünde nicht.  Er erkannte die Sünde schon nach den Buchstaben der Bibel, aber er erkannte auch die Umstände, oft Zwickmühlen, in die die Menschen hineingeraten waren. Zwickmühlen, von denen die Heilige Schrift oft berichtete.  Die Schrift berichtete auch von der Gnade, die Gott bereit hielt, gerade wenn es um Menschen ging, die sich in Zwickmühlen befanden. So sprach er  mit seinen Klienten vor allem von der Gnade Gottes. Er konnte ihnen naturgemäß  nicht zusichern, dass Gott ihnen verziehen hätte. Er konnte es ja nicht wissen.  Er vermutete es aber aufgrund der Gnade sehr, und seine Vermutung teilte er den Menschen mit.

 

Wieder ein Mal erkannte er, dass es  nicht einfach war sich für das Gute zu entscheiden.  Doch was war eigentlich das Gute? Und in einigen Gesprächen sagte der schlanke gutaussehende Mann, der gar nicht aussah wie ein Priester, dass er es nicht für Sünde hielt, was der Mensch da vor ihm getan hatte. Auch wenn es nach den Worten der Bibel anders war.

 

3.     Kein Frieden

 

Spät in der Nacht machte er sich auf den Weg nachhause. Der Weihnachtsmarkt war noch gut besucht. Stefan hatte keine Lust mehr noch einen Abstecher zu machen. Ihn beschäftigten die Erzählungen der Menschen in der Kirche, denen er zugehört hatte. Er hatte das Gefühl in letzter Zeit, nein, schon seit sehr langer Zeit von Traurigkeit überflutet zu werden. Selbst das Gute, das er vertrat, freute ihn nicht mehr so richtig. Freude war nicht Spaß! Freude konnte zwar so viel mehr zufriedenstellend sein als Spaß. Doch selbst die Freude freute ihn nicht mehr.

 

Dann sah er zur Seite und blickte auf den Weihnachtsmarkt. Die Menschen lachten und waren fröhlich. Er war es nicht. Paare flirteten und küssten sich. Er nicht.

 

Plötzlich sah er einen Taschendieb, der unauffällig einem Mann folgte, der seinen Arm um seine Frau  gelegt hatte. Als das Paar auf einen Stand zuging, nutzte der Dieb die Gelegenheit. Der Mann stand so schön gerade, so dass sein Portemonnaie locker in der  Hosentasche saß. Der Dieb ging ganz dicht an den Mann heran und dann –mit zwei spitzen Fingern einer ganz ruhigen Hand- hielt er das Portemonnaie in seiner Hand und ließ es sofort in seiner Jackentasche verschwinden.

 

Stefan beobachtete den Diebstahl und sein Pulsschlag schwang sich auf, denn er fand es spannend, ob die Tat gelingen würde. Als der Dieb entschwand, schüttelte Stefan Herrhausen seinen Kopf, er hatte sich selbst nicht wiedererkannt.  Der Diebstahl hatte ihn belebt, und er hatte nichts dagegen unternommen. Das doofe Gesicht des Beklauten amüsierte ihn, als er in seine Hosentasche ins Leere griff.

 

Als er in seine kleine Wohnung in Aachen nachhause kam, fühlte er, dass er weit weg war vom Leben der Menschen. Er lebte eine andere Art von Leben. Er fühlte eine unbändige Lust die Sünden und die Versuchung kennenzulernen. Schließlich gab es sie auf dieser Welt! Natürlich kannte er eigene Sünden, mal eine kleine Lüge hier oder da, ein Blick auf eine attraktive Frau, der ein wenig zu lang ausfiel und bei dem er fühlte, wie Lust in ihm aufstieg. Aber er durfte keiner Versuchung nachgeben. So hatte er die Sünde, nein besser das Übel nie kennengelernt, jedenfalls nicht so richtig!

 

Würde er nicht ein viel besserer Priester sein können, wenn er der Versuchung nachgäbe? Wenn er ein Schaf sein würde, wie die Menschen da draußen? Wenn er seinen katholischen Schutzschirm verließe?

 

Vielleicht waren sie da draußen gar keine Schafe sondern er. Vielleicht waren sie, die im Wilden Westen des Lebens Gebeutelten und er unter seinem katholischen Schutzschirm das Schaf?

 

Wenn er einfach mal seiner Lust nach was auch immer freien Lauf ließe. Nein, noch schlimmer, wenn er kriminell würde und allen Geboten trotzen würde, die ihm sein weltlicher Arbeitgeber und der mindestens eine Etage höher mit auf seinen Weg gegeben hatte? Doch, wo würde das enden? Was würde das mit ihm machen? Er wusste es nicht, fand es aber sehr spannend. Er saß zuhause in seiner kleinen aber sehr schönen Wohnung und frönte dem vierten Rotwein.

 

Er  befürchtete eine Doppelbödigkeit seiner Gedanken. Natürlich würde er kein besserer Priester sein, wenn er sich dem Bösen zuwandte. Es reichte ja um das Böse zu wissen, um die Sünde darin zu erkennen. Außerdem hatte er ja die vielen Geschichten seiner Schäfchen gehört, manchmal anhören müssen, um genug darüber zu wissen. Andererseits war es etwas anderes von dem Bösen zu wissen oder es erlebt zu haben. So die Nummer: ich nehme mal Drogen, um ein Mal zu wissen, wie sich das anfühlt!

 

Seine  Wahrheit war eine Andere: er hatte einfach Bock darauf, böse zu sein, gemein, aggressiv, verlogen, einfach schlecht!

 

Er konnte nur in seinem Inneren nicht ergründen, warum das so war. Wenn er so Bock darauf hatte, fehlte ihm etwas. Doch was war es? Es hatte etwas damit zu tun, was er bei der Beobachtung  des Diebstahls gefühlt hatte.

 

Gleichzeitig wusste er, dass schon diese Suche in sich selbst eine Eitelkeit war.  Gott hatte seinen Tisch reichlich gedeckt, er sollte zufrieden sein. Doch er war nicht zufrieden. Es bohrte in seinem Inneren, dass es schmerzte.  Beim fünften Gas Rotwein ließ er seine Eitelkeit zu. Er dachte darüber nach, wie es wäre, die Seiten zu wechseln. Was er erleben würde.  Es fielen ihm nur Stichworte ein, denn er hatte ja keine Erfahrung mit dem Bösen: Drogen, Sex, Glücksspiel, Betrug, Gewalt, Verschwendung. Wie in einer Power-Point-Präsentation rauschten die Gespräche durch, die er mit Schäfchen in vielen Jahren geführt hatte.

 

Es hatte Gespräche gegeben, die Erstaunen, fast Neid in ihm hervorgerufen hatten. Denn es war alles gut gegangen. Krumme Geschäfte waren nicht aufgeflogen, der One-Night-Stand auch nicht. Die Drogen- und Glückspielsüchtigen dagegen hatten immer Schiffbruch erlitten.

 

Gar nicht so wenige fühlten sich mit ihren Sünden eigentlich ganz wohl, nur sie waren eben katholisch.

 

Er fragte sich, wie lange er das Spiel des Gesetzlosen, spielen wollte. Und dann nahm er sich das Alte Testament und las darin. Dabei hatte er seinen Plan ja schon vor Augen, er brauchte nur noch irgendeine Absolution, woher sie auch immer kam.

 

Er las im Alten Testament die Schöpfungsgeschichte.

 

"Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde; die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser. Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis  und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. Es wurde Abend und es wurde Morgen: erster Tag....

 

Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut. Es wurde Abend und es wurde Morgen: der sechste Tag."

 

Und Stefan Herrhausen kam zu dem Schluss, dass eine Woche reichen musste, um Urlaub von Gott zu nehmen. Schließlich hatte Gott nur eine Woche gebraucht, um die Erde zu erschaffen. Und da müsste es doch wohl für ihn reichen, das Böse in Laufe einer Woche zu erleben und möglicherweise auch zu genießen.  Im Guten wie im Bösen.

 

Natürlich wusste er, dass die Schöpfungsgeschichte eine Metapher war. Aber Gott war in der Lage ganz schnell klare Verhältnisse zu schaffen, wenn er denn nur wollte. Aber er wollte nicht so oft. Er wollte den Menschen die Verantwortung für ihr eigenes Leben nicht abnehmen.  Manchmal im ganz Kleinen, im ganz persönlichen Leben, da wurde er schon vorstellig.  Viele Erzählungen von Christen berichteten davon. Die Erzählungen von Menschen andersgläubiger Religionen auch. Aber auf diesem Ohr war sein Vorgesetzter, der Bischof, recht taub. Da war er Katholik in Reinkultur. Und Diener seines Chefs, dem Papst. Doch er war vor Ort, der Papst nicht.

 

Kurz bevor er einschlief, fiel ihm das kleine Mädchen ein, das zwei Euro aus der Tasche des Jungen geklaut hatte. Ihr Geständnis war so unschuldig rüber gekommen. Da hatte sich etwas in ihm geregt, das nicht in Ordnung war. Es war nicht das Mädchen aber ihre Unschuld. Und er ahnte, als er sich das sechste Glas Rotwein einschenkte, dass die Regung, die er da verspürte nicht in Ordnung war, gar nicht in Ordnung!  Vielleicht hatte er sich bei der Zahl der Gläser auch verzählt. Aber für einen Gesetzlosen, der dem Bösem frönte, war dieses Gefühl absolut  in Ordnung.

 

Es war wie in einer Beziehung, er brauchte eine Trennung auf Zeit, er brauchte endlich mal Urlaub von Gott!

 

Mit diesem Gedanken ging er schlafen.

 

4.     Eine geistreiche Predigt

 

Am nächsten Morgen wachte er verkatert auf. Zuerst, als er sich in die Küche geschleppt hatte, erinnerte er sich an die Gespräche mit den Menschen. Das freute ihn sehr trotz seines Katers. Doch dann fiel ihm ein, was er danach zuhause gedacht hatte, und er musste sich Mühe geben, alles wieder zusammen zu bekommen.

 

Beim vierten Kaffee und dem zweiten Brötchen wischte er das alles, was er gedacht hatte, mit einem Handstreich vom Tisch.

 

Es stand an diesem Sonntag Wichtiges auf dem Programm. Er würde in der Heilig-Kreuz-Kirche predigen und danach würde im Gemeindehaus daneben ein adventliches Zusammensein mit den Schäfchen seiner Gemeinde oder auch für jeden, der teilnehmen wollte, stattfinden. So hatte er mit den Aktiven in der Gemeinde, darunter vielen jungen Leuten die Adventszeit geplant. Das freute ihn: er hatte in der Diözese die größte Jugendgruppe aufgebaut.

 

Er sah auf die Uhr. Er konnte die Zifferblätter erst nicht richtig erkennen.  Sie verschwammen vor seinen Augen. Und dann sah er auch noch Sternchen, wie kleine Blitze, die vor seinen Augen herumtanzten. Doch dann bekam er seine Augen in den Griff. Die Blitze waren noch da, aber sie wurden weniger. Der Zeiger war noch nicht auf zehn, aber nicht weit entfernt davon. Er rieb sich die Augen, der Schädel brummte. Gerade jetzt  empfand er einen ziehenden Schmerz, der sich gemein die Stirn entlang zog. Er kniff die Augen zusammen. Irgendwie musste es doch gehen! Und dann hatte er es: zwanzig Minuten vor zehn! Ungewaschen und unrasiert, wie er war, sprang er auf. Er schnappte sich die nächst liegende Jeans aus dem Schrank, zog sich ein T-Shirt über, schnappte sich irgendwelche Schuhe und rannte aus seiner Wohnung.

 

Um zehn vor zehn kam er in der Sakristei seiner Kirche, völlig außer Atem, vor Schweiß stinkend, unrasiert, mit einer deutlichen  Rotweinfahne an. Er warf sich die Soutane über. Seine jungen Helfer aus der Gemeinde erfassten schon in  etwa, was da los gewesen sein musste. Sie lachten verschmitzt.

 

Der Gottesdienst war ja durchorganisiert. Insofern konnte nicht allzu viel schiefgehen, dachte er.  Stefan setzte sich auf die Bank am Rand des Altarraums, als der Organist die Kirche mit der Orgel zum Beben brachte. Die Kirche war gerammelt voll. Es war Adventszeit und die Verunsicherung wegen der vielen kleinen und großen Terroranschläge in Deutschland ängstigten sogar das  eine oder andere schwarze Schaf und jede Menge mittelgrauer Schafe. Stefan genoss das Intro der Orgel, bis ihm plötzlich einfiel, dass er seine Predigt hatte zuhause liegen lassen.

 

 

 

So eine Scheiße! Er checkte die Situation. Die Liturgie und die Bibellesung hatte er, wie er meinte,  in Fleisch und Blut. Das war kein Problem. Er würde irren. Die fehlende Predigt war ein Problem. Kurz kalkulierte er, ob er eine Chance haben würde nachhause zu rennen und die Predigt zu holen. Keine Chance! Ihm wurde heiß und kalt, immer schön abwechselnd.  Der Schweiß stand ihm kalt auf der Stirn.

 

Die Musik der Orgel empfand er inzwischen nicht mehr als mächtig sondern als bedrohlich. Der Rotwein, es mussten mehr als sechs Gläser gewesen sein, schmerzte empfindlich im Kopf. Er hätte an einem anderen Tag Rotwein trinken sollen, aber so war es nun mal.

 

Obwohl die passende Seite der Bibel aufgeschlagen vor ihm lag, blätterte er darin vor dem Altar stehend völlig unnötig  herum. Er war nervös. Er machte sich gerade Gedanken, ob man seine Jeans, die er unter der Soutane trug, sehen würde. Das hätte er nicht tun sollen. Er stockte zunächst, als er die von ihm aufgeschlagene Seite sah.

 

"Am ersten Tag der neuen Woche, ganz in der Frühe, nahmen die Frauen die wohlriechenden Öle, die sie zubereitet hatten, und gingen zur Felsengruft.
Da sahen sie, dass der Stein, der den Eingang verschlossen hatte, weggewälzt war.
So gingen sie in die Grabhöhle hinein, fanden den Leib von Jesus, ihrem Herrn, aber nicht.
 Während sie noch ratlos dastanden, traten plötzlich zwei Männer zu ihnen, die in strahlend helle Gewänder gekleidet waren.
Die Frauen erschraken und blickten zu Boden. Doch die beiden Männer sagten zu ihnen: "Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?
Er ist nicht hier, er ist auferstanden. Erinnert ihr euch nicht an das, was er euch in Galiläa sagte,
 dass der Menschensohn in die Hände sündiger Menschen ausgeliefert und gekreuzigt werden muss, und dass er am dritten Tag auferstehen würde?"
Da erinnerten sie sich an seine Worte.
Sie verließen die Felsengruft und berichteten alles den elf Aposteln und den übrigen Jüngern.(Lukas, 24, 1-9)"

 

Er blätterte vor und zurück, doch es gelang ihm nicht den Text für den dritten Advent zu finden. Er blickte verstohlen über seine Schulter. Ein leichtes Raunen der Gemeinde war zu hören. Er gab das Suchen auf.

 

Dann nahm er allen Mut zusammen und las den Ostertext vor. Er tat das mit völliger Sicherheit, denn das war seine einzige Chance bei seinen Kopfschmerzen.  Das Raunen hatte aufgehört, aber er musste gar nicht hin sehen, um zu wissen, dass sich ungläubiges Staunen über die Gemeinde gelegt hatte.

 

Nachdem er den Ostertext verlesen hatte, ging er selbstbewusst auf die Kanzel zu und bestieg die ersten Treppenstufen. Auf der Mitte etwa wurde ihm schwindelig, und er stockte kurz.

 

Nun sah die Gemeinde ganz genau die unter der Soutane hervor lugende Jeans, die zudem noch ziemlich wild ausgefranst war. Stefan war sich auch nicht bewusst, dass er kurz zuvor in seine weißen Tennisschuhe gesprungen war, bevor er den Start zum Lauf zu seiner Kirche eingeläutet hatte.

 

Nachdem ihm auf der Hälfte des Weges zur Kanzel schwindelig geworden war, formte sich eine Idee in seinem Kopf. Er würde die Geburt Jesu mit seiner Auferstehung in Zusammenhang bringen. Er würde erklären, warum die Geburt des Gottessohnes so wichtig war für die Menschen. Es war ja klar: die Geburt unter elenden Umständen war so wichtig, weil der Gottessohn auferstehen würde. Ohne Geburt keine Auferstehung. Wie wichtig es war, dass Jesus unter diesen elenden Umständen geboren war als Flüchtling im eigenen Land. Wobei ihm diese These gewagt vorkam.

 

Und dann würde er die Brücke schlagen zum gestrigen Abend in der Kirche. Zu den Gesprächen, die er mit den Menschen geführt hatte. Die, die zu ihm gekommen waren, geleitet von dem schwer lesbaren Pappschild.  Das so schlecht beleuchtet war, wie sie sich sein Magen übel anfühlte.  Und er würde darüber berichten, dass es Menschen gab, die sich in ausweglosen Situationen befanden und deshalb Sünden begingen. Er würde von der Gnade Gottes berichten, sie so groß war und so verheißungsvoll, dass ihnen die Sünden vergeben würden. Er würde auch davon berichten, dass es `Sünden-Intensivtäter` gab, mit denen es schwieriger war. Was mit denen, den Mördern, den Vergewaltigern und Todschlägern würde, wusste er auch nicht. Er würde auch davon berichten, dass es Sünden gab, die in Anbetracht der Umstände, gar keine Sünden waren. Und er würde sich weit aus dem Fenster lehnen und zwar so weit, dass er sich die Soutane hätte auch vom Leib reißen können und in seiner zerfransten Jeans und seinem weißen American-T-Shirt gleich auf die Kanzel stellen können.

 

Und so machte er es. Er lieferte eine gewaltige Predigt ab. Selbstbewusst. Kritisch. Menschlich. Er behielt seine Zuhörer mit seinen glasigen braunen Augen im Blick. Er drückte sein Kreuz durch und schob seinen durchtrainierten Oberkörper nach vor, wenn ihm ein Satz wichtig war. Wenn er sich an den Kopf fasste und durch seine kurzen braunen Haare fuhr, meinten die Gläubigen, dass er darüber nachdachte, was er als Nächstes sagen würde.  Zumindest die vorn Sitzenden sahen ja, dass er ohne ein Manuskript die Kanzel bestiegen hatte.

 

Tatsächlich versuchte er nur  den Schmerz seines Katers loszuwerden.

 

Als er endete sah er auf seine Gemeinde. Er hatte sie gespalten. Ein Teil von ihnen hatte so etwa die glasigen Augen wie er. Sie waren aufgestanden und applaudierten begeistert. Das wollte er nun eigentlich nicht. Und andere sahen ihn entgeistert an, weil er in keiner Weise das geliefert hatte, was sie erwartet hatten. Sie waren auch aufgestanden, aber um zu gehen.

 

Er hatte eine Gemeinde vor sich, die sich eine Meinung gebildet hatte. Ein Teil lehnte ab, was er vorgetragen hatte und der andere Teil stimmte ihm engagiert zu. Aber er hatte seine Gemeinde gespalten!

 

Dem Organisten hatte es wohl gefallen, was Stefan da zum Besten gegeben hatte. Er haute in die Tasten, dass die Wände wackelten. Das versöhnte einige der Traditionalisten, so dass sie gebannt am Ausgang stehen blieben.

 

Alle hatten begriffen, dass da was schief gelaufen war.

 

Noch bevor im Gemeindehaus das Treffen der Gläubigen mit Kaffee und Kuchen sowie Bratwürstchen und Schnitzeln begann, fing Jessica, eine junge Frau von vielleicht achtzehn Jahren, Stefan auf dem Weg von der Kirche zum Gemeindehaus ab.

 

Sie warf sich ihm in die Arme. "Das war eine so coole Predigt!", sagte sie. Sie drängte sich an ihn. Stefan war ausgelaugt bis an seine Grenze. Das kannte er. Jeder Mensch spürte dann intensiver, weil der Körper nicht mehr konnte.  Er spürte ihre Formen, ihre Brüste an seiner Brust und sie drängte sich weiter an ihn heran, umarmte ihn, so dass er genau ihr Becken durch ihre enge Jeans spürte und die Lust in ihm aufstieg. Es gelang ihm, sie gefühlvoll von sich zu drücken. Aber eigentlich hätte er sie auch gern an sich gedrückt und noch viel mehr.

 

Den  Eindruck dieses Gefühls vergaß er über Stunden nicht. Und dann fiel ihm die letzte Nacht ein. Auf ein Mal wusste er alles wieder!

 

Im Gemeindehaus hatten sich vor allem die weißen Schäfchen versammelt. Viele alte Leute waren darunter,  die sich freuten nun nicht mehr unter Mühen selbst kochen zu müssen, aber zunehmend – das hatte Stefan beobachtet- auch junge Familien mit Kindern.

 

Doch, wer immer mit ihm sprach, vermittelte ihm den Eindruck, dass er eine Respektsperson war. Das gefiel ihm nicht, denn er kam schlechter an die Menschen heran als in der Anonymität der Kirche in der Nacht zuvor.

 

Natürlich klagten ihm alte Menschen ihre Gebrechen und waren froh, dass er zuhörte.

 

Eine Abwechslung des Einerlei des Gebrechens war Annabelle. Stefan hatte sie schon öfter im Gottesdienst gesehen. Annabelle hatte schon häufiger engagiert ihre katholische Kirche kritisiert und vor allem konnte sie  inhaltlich weit ausholen. Ihr Mann und ihre Kinder aßen genüsslich Bratwurst. Er hätte gern mit ihr geflirtet, denn Annabelle war  sehr attraktiv. Eine innere Stimme warnte ihn davor das zu tun. Es war nicht die katholische innere Stimme sondern seine innere Stimme, die eines Mannes. Stefan kannte diesen Typ Frauen. Sie waren die Sirenen, nicht die der Loreley. Sondern die  der deutschen Gesellschaft.

 

Annabelle war ein Stereotyp  junger und engagierter Katholikinnen. Er sah sie, als sie förmlich auf ihn zuschoss. Er kannte sie. Sie würde Monologe formulieren. Und so geschah es. Es ging um den Reichtum der katholischen Kirche, der auf ihrer Geschichte fußte und aus der Sicht der Frauen mit den brutalen Kreuzrittern begann. "Ihre Predigt war sehr gut, hat mir gut gefallen", sie bereitete eine Gesprächsebene vor. Dann setzte sie fort, was ihr eigentlich auf dem Herzen lag: "Was mir immer wieder übelst aufstößt", und in diesem Moment musste sie zwar nicht aufstoßen, aber sie nieste heftig, bekam so schnell ihre Hand nicht vor ihren Mund, so dass Stefan erst einmal einen Schwall davon abbekam. Sie fing sich augenblicklich wieder, war aber so in Rage, dass sie sich nicht entschuldigte: "Die katholische Kirche lebt von Geld, das sie ursprünglich einfach geklaut hat mit Mord und Totschlag. Die Kreuzritter zum Beispiel. Was mir fehlt ist ein Eingeständnis der Erzbischofs und dass die katholische Kirche endlich mal abgibt von ihrem sagenhaften Reichtum, Sie hätten dazu doch auch mal Stellung nehmen können. Jetzt gerade mal so zu Weihnachten", sagte Annabelle.

 

Sie konnten ohne Unterbrechung umschwenken zu den Hexenverbrennungen im Zusammenhang mit der noch heute bestehenden Benachteiligung von Frauen in der Gesellschaft. Dabei blendeten sie  ganze Jahrhunderte aus. Ein zarter Hinweis auf die historische Forschung war zwecklos, denn sie hörte einfach nicht zu. Sie redete so eloquent, dass eine akademische Ausbildung wahrscheinlich war.  Doch sie ließ kein Gespräch zu. Sie trug einen Prolog vor. Frauen konnten sich freuen  -sie lächelte ironisch- heute nicht mehr als Hexe verbrannt zu werden. Dann kam sie auf die Benachteiligung von Frauen in der deutschen Gesellschaft.

 

" Das fängt schon beim Gehalt an. Mein Mann", sie wies auf den Mann, der hocherfreut Würstchen aß, "der ist Wirtschaftsprüfer und der verdient viel, sehr viel mehr als ich. Ich bin Lehrerin. Er rettet bankrotte Unternehmen, und ich rette bankrotte Kinderseelen. Was ist da wohl mehr wert?"

 

Die Arbeit in den Familien war ungleich verteilt zulasten der Frauen.  Sie zeigten sich ausgezehrt davon und entnervt.

 

"Mein Mann ist die ganze Woche unterwegs und prüft irgendwelche Bilanzen. Der sitzt noch nachts in irgendeinem Hotel und liest Akten. Ich führe Gespräche mit den Kindern meiner Klasse, weil kaum eine Familie funktioniert und abends, wenn meine..". Sie sagte wirklich "meine Kinder", im Bett sind, dann bereite ich den Stoff für den nächsten Tag auf. Obwohl sich das ja doch immer wiederholt", verriet sie sich.

 

Und dann berichtete sie davon, was sie alles sie für ihre Kinder tat und schon von klein auf. Sie hatte ihre Kinder zur frühkindlichen Sprachförderung kutschiert.  Später lernte das  Mädchen lernten Ballet und der Junge chinesisch.  Die Kinder sollten sich sportlich betätigen, was auch meistens gelang, wobei die Mädchen meist andere Sportarten präferierten als die Jungen. Meist endete es bei Reiten und Fußball.  "Meine Kinder sollen die besten Startchancen für ihr Leben bekommen", sagte Annabelle und ergänzte mit fast unhörbarer Stimme leise: "Ich möchte später ja stolz auf meine Kinder sein." Vielleicht sprach sie den Satz ja deshalb mit so leiser Stimme aus, weil sie katholisch gesprochen ihre Eitelkeit, psychologisch formuliert, ihre Projektionen irgendwo vergraben in ihrem Unterbewusstsein doch ahnte.

 

Wie oft Stefan das so oder ähnlich schon gehört hatte.

 

Dann beklagte sie noch, dass sie durch den, wie sie sagte "wahnsinnigen Stadtverkehr von Aachen fahren müsse", um im Bio-Laden ihres Vertrauens einzukaufen. "Zehn Kilometer hin und zehn Kilometer zurück", sagte sie. Das koste sie eine Stunde, damit die Familie sich gesund ernährte, meistens vegetarisch, oft vegan. "Anna und Samuel", sie deutete mit ihrem Kopf auf den benachbarten Tisch, an dem die blassen Kinder saßen, "dürfen nur heute und ausnahmsweise ein Würstchen essen. Ich hoffe, das Fleisch ist bio i?", fragte sie Stefan Herrhausen mit eindringlichem Blick. Der wusste es ganz ehrlich nicht. Ihr Mann am Tisch fraß die Würstchen förmlich. Deshalb wandte Annabelle angeekelt ihren Blick ganz schnell ab. Nachdem sie ihre Grundsatzkritik an der katholischen Kirche beendet hatte, fand sie warme Worte. "Ich finde es existenziell gut", betonte sie mit ausdrucksvoller Stimme, sie lächelte Stefan an und sah ihm direkt in die Augen, "wie sich Ihre Gemeinde um die Flüchtlinge kümmert!" Nun war es auf ein Mal die Gemeinde von Stefan Herrhausen und nicht mehr ihre Gemeinde. "Sagen Sie mal?", fragte sie, "bei diesen Gesundheitschecks für die Flüchtlinge, wenn die krank sind.  Sind doch viele krank?" Sie wartete seine Antwort erst gar nicht ab, denn für sie war das klar nach den langen strapaziösen Reisen der Flüchtlinge und Stefan Herrhausen roch ihren Zigarettenatem, als sie fragte: "Kommen da nur Medikamente von Bayer und den anderen Verbrechern zum Einsatz, wenn die Flüchtlinge krank sind?" Stefan Herrhausen stutzte. "Oder bekommen die Flüchtlinge auch den Segen der Homöopathie?" "Das weiß ich nicht", sagte Stefan Herrhausen.

 

Plötzlich fasste sich Annabelle an den Nacken. "Ist Ihnen nicht gut?", fragte Stefan Herrhausen besorgt. "Nein, nein", winkte Annabelle ab, "das ist nur die Erstverschlimmerung!" "Die was?", fragte er nach. "Die Erstverschlimmerung, die eintritt", und sie sah ihn ungläubig an, "wenn das homöopathische Mittel seine Wirkung entfaltet." Sie sah ihn entgeistert an. «Kennen Sie Hahnemann nicht?", fragte sie ungläubig. «Hahnemann ist göttlich«, ereiferte sie sich. «Diese Dialektik seiner Medizin! Je weniger desto stärker die Wirkung. Davon haben Sie wirklich noch nie gehört?". Stefan schwieg. Sie sah ihn fassungslos an,  er war tatsächlich ein Ungläubiger!  "Wenn Sie einen Tropfen eines Mittels in die Nordsee geben, dann ist das eine sehr hohe Potenz und die hat die höchste Kraft zu heilen. Unglaublich nicht?"  Sie lächelte ihn gewinnend an. Er dachte einen Moment nach und fand es auch unglaublich. «Und nicht diese Medizin: reicht die Dosis an Chemie nicht, dann pumpen wir in den armen Menschen gleich mal das Doppelte rein, während er in einem sterilen Zimmer eines Krankenhauses liegt.  Diese Jünger des Turbokapitalismus!"

 

Annabelle hatte mindestens zwei Religionen: Gott und Hahnemann und vielleicht waren da noch andere Gottheiten.

 

Doch zu mehr kam er nicht, denn sie unterbrach seinen Gedanken: "Mein Mann", sagte sie mit verzweifeltem Unterton, und sie warf einen hässlichen  Blick auf den Tisch, an dem nur Anna und Samuel saßen, denn ihr Mann stand am Stand für Würstchen an, "mein Mann hat gestern Geschäftspartner mit ihren Frauen eingeladen. Das macht mich immer so depressiv! Nach solchen Abenden, dieses Denken, das sich nur um Geld dreht und um Geschäfte", und sie sah ihm tief in die Augen, "muss ich immer erst wieder zu meinem inneren Gleichgewicht kommen, sonst halte ich es nicht aus." "Was halten Sie nicht aus?", fragte Stefan. "Ach, das verstehen Sie sowieso nicht", sagte Annabelle, brach das Gespräch ab und setzte sich mit angewidertem Gesicht zu ihrem Mann, der gerade noch ein Würstchen ergattert hatte. "Meine Welt", sagte sie so leise im Gehen,  dass Stefan sie gerade noch verstehen konnte. Und sie meinte wirklich ihre Welt, ihre ganz eigene persönliche Welt.

 

Da wandte sich Stefan doch lieber denen zu, deren Hüfte nicht mehr wollte oder das Herz oder das Kniegelenk. Die meist unerkannte Parodontose erleichterte das Gespräch meist nicht so sehr. Aber er opferte sich selbst in diesen Fällen gern.

 

Als er nachhause ging, fühlte er, wie sehr er log. Paradontose störte ihn doch sehr. Ihm tat Annabelles Mann leid und ihre Kinder auch. Gab es eigentlich bei Rollatoren auch Achsbrüche? ......

 

Stattdessen bestellte der Unbekannte einen weiteren Burger.

 

Harry war einfach neugierig. Es passierte selten, dass irgendein Ereignis ihn davon abhielt an seine Ex-Frau zu denken und weitere Cognacs zu bestellen. Er sagte nichts zu Stefan und sah einfach nur zu.

 

Es dauerte ein wenig bis der zweite Burger vor Stefan stand. Diesen zweiten Burger beknabberte Stefan von außen nach innen. Er aß ihn in absoluter Ruhe und biss nur kleine Happen ab.

 

Harry beobachtete ihn. Das war ja erstaunlich. Stefan hatte zudem eine bemerkenswerte Fähigkeit.  Während das linke Auge auf den Burger unter sich schaute, nahm das rechte Auge lustvoll die Flaschen mit Alkoholika in Augenschein, die so reizvoll auf dem Regal der Bar drapiert waren.

 

Als Stefan den Burger rundum beknabbert hatte und eine veritable runde Mitte, das Beste des Burgers übrig geblieben war, biss Stefan herzhaft zu. Die Mitte war weg.

 

Harry war sich sicher einen Strategen vor sich zu haben.

 

Harry war nicht nur hager und ein Programmierer, seit fünf Jahren mit einem gewissen Hang zum Hedonismus.  Harry hatte vor Urzeiten Deutsch und Philosophie in der ehemaligen DDR studiert. Er war ein diplomierter Germanist und Philosoph mit einer absoluten Abneigung zu kommunizieren. Deshalb kam für ihn jede Art von Lehramt nicht in Frage. Programmierer kommunizierten mit ihrer Software.

 

Die Art, wie der Mann neben ihm seinen Burger, den ersten, verschlungen hatte,  bezeugte eine gewisse ungezügelte Gier. Und gleich danach, als der zweite Burger vor ihm stand, hatte er sich im Griff. Wie von Zauberhand. Er genoss die Ränder des Burgers wohl wissend, dass das Beste noch kam. Die Mitte mit dem besten Fleisch und dem dicksten Belag der Saucen. Und da hatte der Mann zugebissen, kurz vor dem Höhepunkt des Genusses, wenn das Beste des Beefs und die fettesten Saucen auf seiner Zunge ein Fest feiern würden. Mit Spannung hatte der Mann auf diesen Moment an den Rändern systematisch knabbernd hingearbeitet. Bis er zubiss und die Geschmacksknospen seiner Zunge würden den größtmöglichen geschmacklichen Orgasmus erleben, zu dem eine Zunge fähig war.

 

Harry war sich sicher, einen interessanten Gesprächspartner für diesen Abend gefunden zu haben.

 

"Der Burger war gut?", fragte Harry beiläufig den Unbekannten. Stefan nickte. Dann nahm er seinen Nachbarn bewusst wahr. Er hatte ihn schon ein Mal im Dorint gesehen.

 

Gerade eben hatte man im Krankenhaus diagnostiziert, dass Ilse Pohl einen Bruch des Oberschenkelhalses davon getragen hatte. Sie war lange bewusstlos, nur ihr schmerzerfülltes Stöhnen war aufgefallen. Das war untypisch. Als sie aufwachte, vor sich hin wimmerte und sich immer wieder ans Bein fasste, unternahmen sie nach ein paar Stunden etwas.  Und beim Röntgen hatten sie es dann.

 

Der Erzbischof ging immer früh ins Bett. Vielleicht war das der Grund für seine rosige Gesichtsfarbe. Die Sache mit dem Priester hatte ihn schon sehr mitgenommen, und er war ratlos, wie zu verfahren war. Er wollte sich an niemanden wenden. Ein Che Guevara unter seinen Priestern war das Letzte, was er brauchen konnte. Er freute sich auf seine Reise nach Rom, die er morgen antreten würde. In Rom war es nicht so nasskalt wie in Köln.

 

Und er hatte einen Trick, den er immer anwandte, wenn er Probleme hatte und nicht einschlafen konnte. Er betete ein einfaches Gebet: "Ich bin dein Werk und dein Werkzeug. Ich habe dir alles ehrlich gesagt, was ich weiß. Es liegt an dir, das Werk zu vollenden. Wie immer du es vollenden wirst." Es erstaunte den Erzbischof dann schon hin und wieder, dass da ganz überraschende Sachen rauskamen. Aber erst mal schlief er gut. Und am nächsten Morgen war ein neuer Tag! Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung!

 

"Was trinken Sie da?", fragte Stefan und sein Blick blieb auf dem Cognac-Schwenker haften. Stefan schmeckte auf seiner Zunge Cognac, obwohl es bestimmt Jahre her war, dass er Cognac getrunken hatte. "Kennen Sie keinen Cognac?", fragte Harry. "Natürlich, aber was ist das für einer?", wollte Stefan wissen. Es war ein Albert de Montaubert. " 50 Jahre gereift, der schmeckt  nach Datteln, Süßholz, Vanille und Honigwaben", sagte Harry, "ich bestelle Ihnen einen", lud Harry Stefan ein. Stefan nippte am Glas. "Herausragend", sagte er. "Harry", sagte Harry und hielt Stefan die Hand hin. "Stefan", ergriff Stefan Harrys Hand. "Geschäftlich hier?", fragte Harry. "Nein, Urlaub", sagte Stefan und merkte, dass er Tor und Tür für unangenehme Fragen aufgemacht hatte. Stefans Blick flackerte ein wenig. Harry bemerkte es. "Also ich bin geschäftlich hier", meinte Harry und die beiden stießen an. "Ich programmiere", sagte Harry. "Ah", antwortete Stefan. Dann schien das Gespräch beendet zu sein. Doch Harry war neugierig. Er bestellte noch mal zwei Cognac und stieß mit Stefan an. "Wer macht schon Urlaub an der Messe in Köln?", fragte Harry. "Das ist eine lange Geschichte", antwortete Stefan unverbindlich. Die Männer hatten gespürt, dass sie um ihre persönlichen Geheimnisse herum zirkelten. Sie schwiegen und stierten auf die Bar. Stefan bestellte bei dem Barkeeper zwei weitere der noblen und teuren Cognacs. Sie stießen an. Es schien so, dass sie sich einig waren. Die Einigkeit bestand darin, dass sie einen Promillepegel brauchten, bis sie die Wahrheit offenbaren konnten......

 

Er zögerte, nahm allen Mut zusammen und sagte ganz leise: "Ich bin ein katholischer Priester." Harry lachte so laut los, dass der Barkeeper erschrak und die wenigen weiteren Gäste kurz aufschauten und sich dann wieder ihren Gesprächen widmeten. "Entschuldigung" sagte Harry, nahm sich sofort zurück und meinte wirklich ehrlich:  "es tut mir leid, ehrlich." Stefan nahm die Entschuldigung an, denn er sagte:  "Ich habe mir Urlaub von Gott genommen. Für eine Woche!" Er erzählte nichts von dem Gottesdienst, er erzählte nichts von dem Gespräch mit dem Erzbischof. Er sagte nur und das kam beim siebten Cognac nicht mehr so ganz akzentuiert rüber: "Ich will das Böse erleben, das Üble!....

 

"Ich habe gestern einen neuen Auftrag bekommen." Stefan sah ihn überrascht an. "Na, du hast ja den ganzen Tag verschlafen. Selbst schuld, wenn  man nichts abkann." "Was für ein Auftrag?", fragte Stefan interessiert. "Ich soll die Rechner der Deutschen Bank hacken", meinte Harry gelassen. "Und warum?" Jetzt musste Harry schon mal was raus lassen, wenn er glaubwürdig sein wollte. "Die WaG", sagte er, "möchte von der Deutschen Bank eine Million Euro erpressen, um sie den Bauern in Ecuador zu schenken. Ich werde eine ganze Reihe von Rechnern der Deutschen Bank infizieren und die WaG wird mit dem Programm ihres Geschäftspartners neunhunderttausend Euro den armen Bauern zukommen lassen." Stefan war hellwach. "Die Differenz?", fragte er, "die hunderttausend Euro?" "Die bekommt mein Geschäftspartner. Na ja, nicht ganz, die Hälfte bekomme ich. " "Wer sind die WaG?" "Liest du keine Zeitung?", fragte Harry und ergänzte gleich, ohne Stefans Antwort irgendeiner katholischen Postille abzuwarten: "Die Krieger gegen die Globalisierung. Warriors against Globalization. Und demnächst schenke ich dir ein Abo der `Zeit`", sagte er. "Und die bedienen sich eines kriminellen Programmierers?", fragte Stefan ungläubig. "Genauso ist es", bestätigte Harry. Stefan schaute ungläubig. Dann fragte er: "Und die Deutsche Bank erstattet keine Anzeige?" "Das ist die Hoffnung!", betonte Harry. "Die Hoffnung ist", er biss in sein Rührei, "dass die Deutsche Bank so viel mit sich selbst zu tun hat, dass sie mal eben die Million ausspuckt, ohne groß rumzufragen. Noch mehr schlechte Presse ist es denen locker wert, mal eben eine Million aus der Portokasse auszuspucken."  Stefan war hellwach. "Und was machen die Bauern in Ecuador dann mit den neunhunderttausend Euro?" "Sie geben das Geld aus, vermute ich und haben ein paar sorgenfreie Jahre. Aber sie werden nie ein System bekommen, sich selbst zu helfen, weil sie kein System kennen." "Da macht es die katholische Kirche aber weitaus besser", wandte Stefan ein. Harry überlegte. Er las ja sehr viel so im Allgemeinen  und wusste deshalb sehr viel über die Hilfe der katholischen Kirche in Entwicklungsländern. Und wenn ihm etwas suspekt vorkam, dann brach er einfach in Datenbanken ein, las und entschwand unerkannt. "Die Katholiken machen das schon sehr viel professioneller als die WaG zum Beispiel. Aber es schwingt bei denen immer dieser Impetus der Bekehrung mit, der Katholisierung derjenigen, denen sie helfen. Diese Katholisierung müssten sie lassen", dachte Harry nach. "Wie bringt man denen das nur bei? Dann hätten diese Verbrecher der WaG gar keine Chance?", fragte er leutselig. Stefan war ganz Ohr, er hatte sich gerade auch Rührei geholt, nur bei ihm kam Rührei am Ende des Frühstücks sozusagen als Krönung. "Die WaG", sagte Stefan, "sind, glaube ich, keine Verbrecher, sie sind Idealisten". "Das liegt oft nahe beieinander", meinte Harry.

 

"Ich habe gestern einen neuen Auftrag bekommen." Stefan sah ihn überrascht an. "Na, du hast ja den ganzen Tag verschlafen. Selbst schuld, wenn  man nichts abkann." "Was für ein Auftrag?", fragte Stefan interessiert. "Ich soll die Rechner der Deutschen Bank hacken", meinte Harry gelassen. "Und warum?" Jetzt musste Harry schon mal was raus lassen, wenn er glaubwürdig sein wollte. "Die WaG", sagte er, "möchte von der Deutschen Bank eine Million Euro erpressen, um sie den Bauern in Ecuador zu schenken. Ich werde eine ganze Reihe von Rechnern der Deutschen Bank infizieren und die WaG wird mit dem Programm ihres Geschäftspartners neunhunderttausend Euro den armen Bauern zukommen lassen." Stefan war hellwach. "Die Differenz?", fragte er, "die hunderttausend Euro?" "Die bekommt mein Geschäftspartner. Na ja, nicht ganz, die Hälfte bekomme ich. " "Wer sind die WaG?" "Liest du keine Zeitung?", fragte Harry und ergänzte gleich, ohne Stefans Antwort irgendeiner katholischen Postille abzuwarten: "Die Krieger gegen die Globalisierung. Warriors against Globalization. Und demnächst schenke ich dir ein Abo der `Zeit`", sagte er. "Und die bedienen sich eines kriminellen Programmierers?", fragte Stefan ungläubig. "Genauso ist es", bestätigte Harry. Stefan schaute ungläubig. Dann fragte er: "Und die Deutsche Bank erstattet keine Anzeige?" "Das ist die Hoffnung!", betonte Harry. "Die Hoffnung ist", er biss in sein Rührei, "dass die Deutsche Bank so viel mit sich selbst zu tun hat, dass sie mal eben die Million ausspuckt, ohne groß rumzufragen. Noch mehr schlechte Presse ist es denen locker wert, mal eben eine Million aus der Portokasse auszuspucken."  Stefan war hellwach. "Und was machen die Bauern in Ecuador dann mit den neunhunderttausend Euro?" "Sie geben das Geld aus, vermute ich und haben ein paar sorgenfreie Jahre. Aber sie werden nie ein System bekommen, sich selbst zu helfen, weil sie kein System kennen." "Da macht es die katholische Kirche aber weitaus besser", wandte Stefan ein. Harry überlegte. Er las ja sehr viel so im Allgemeinen  und wusste deshalb sehr viel über die Hilfe der katholischen Kirche in Entwicklungsländern. Und wenn ihm etwas suspekt vorkam, dann brach er einfach in Datenbanken ein, las und entschwand unerkannt. "Die Katholiken machen das schon sehr viel professioneller als die WaG zum Beispiel. Aber es schwingt bei denen immer dieser Impetus der Bekehrung mit, der Katholisierung derjenigen, denen sie helfen. Diese Katholisierung müssten sie lassen", dachte Harry nach. "Wie bringt man denen das nur bei? Dann hätten diese Verbrecher der WaG gar keine Chance?", fragte er leutselig. Stefan war ganz Ohr, er hatte sich gerade auch Rührei geholt, nur bei ihm kam Rührei am Ende des Frühstücks sozusagen als Krönung. "Die WaG", sagte Stefan, "sind, glaube ich, keine Verbrecher, sie sind Idealisten". "Das liegt oft nahe beieinander", meinte Harry.

 

 

 

Da sich die Dinge für Stefan gut entwickelten, fand Harry Zeit sich in Ruhe umzusehen. Da war eine Frau in einem kurzen Rock, deren Gesicht er sehr sympathisch fand und deren Kurven ihn dahin bringen würden, was sein Ziel war.  Doch sie stand gerade auf, ihren Kunden im Schlepptau und steuerte einen freien Raum an. Das war jetzt wirklich blöd gelaufen. Harry warf einen Blick auf Stefan, der sich prächtig mit Sylvie unterhielt, stand auf und ging zum Parkplatz nach draußen, um eine seiner Selbstgedrehten zu rauchen.  Es war kalt, aber er rauchte noch eine Zweite und dann noch eine Dritte, er hatte ja Zeit, der Abend war noch jung.  Deshalb war er erst nach einiger Zeit wieder im Club. Niemand hatte sich auf seinen Platz gesetzt. In der doch kurzen Zeit hatte sich die Situation verändert. Einige Herren waren nicht mehr zu sehen, vielleicht hatten sie ihre Angebetete gefunden oder sie waren gegangen. Einige Damen waren verschwunden und dafür waren plötzlich andere da. Die Konstante des Geschehens waren Sylvie und Stefan, die sich immer noch unterhielten.  Stefans Gesicht strahlte eine Lebendigkeit aus, die er vorher bei ihm noch nie gesehen hatte. Sylvie sprach, lachte, gestikulierte und vor allem: sie sah Stefan in die Augen. Harry war begeistert.

 

Zwei Tische weiter saß eine dunkelhaarige, ja fast schwarzhaarige sehr schlanke Frau, auf die sich sein Interesse fokussierte. Er sah immer nur ihren Rücken, denn sie unterhielt sich offensichtlich sehr interessiert mit einem Mann, vielleicht Ende dreißig wie Stefan, der sehr sympathisch aussah. Harry fuchste, dass sich die Frau nie umdrehte. Er sah nur ihr Oberteil, das zu einem Rock oder einem Kleid gehörte, er konnte es nicht sehen. Aber irgendwie kamen ihm die Schultern bekannt vor, die ganze Form dieses Rückens und dann bemerkte ihre Kopfform, nur die Frisur war anders.  Er hatte sie schon mal gesehen. Harry wurde unruhig. Er spürte, dass es mehr war, als diesen Rücken und die Form des Kopfes schon mal gesehen zu haben. Harry hatte das Gefühl, diesen Kopf, den Hals und den Rücken genau zu kennen. Er wusste sein Gefühl nicht einzuordnen. Die junge Frau war sehr attraktiv, wie er fand. Trotzdem machte sich ein Gefühl des Ekels in ihm breit, wenn er daran dachte vielleicht mit ihr schlafen zu wollen. Er spürte  eine merkwürdige vertraute Nähe zu ihr, obwohl er sie ja gar nicht kannte.  Er zweifelte an seinem Verstand. Reichte neuerdings schon die Begleitung eines Priesters, um ihm die Lust zu vertreiben?

 

 

Da sich die Dinge für Stefan gut entwickelten, fand Harry Zeit sich in Ruhe umzusehen. Da war eine Frau in einem kurzen Rock, deren Gesicht er sehr sympathisch fand und deren Kurven ihn dahin bringen würden, was sein Ziel war.  Doch sie stand gerade auf, ihren Kunden im Schlepptau und steuerte einen freien Raum an. Das war jetzt wirklich blöd gelaufen. Harry warf einen Blick auf Stefan, der sich prächtig mit Sylvie unterhielt, stand auf und ging zum Parkplatz nach draußen, um eine seiner Selbstgedrehten zu rauchen.  Es war kalt, aber er rauchte noch eine Zweite und dann noch eine Dritte, er hatte ja Zeit, der Abend war noch jung.  Deshalb war er erst nach einiger Zeit wieder im Club. Niemand hatte sich auf seinen Platz gesetzt. In der doch kurzen Zeit hatte sich die Situation verändert. Einige Herren waren nicht mehr zu sehen, vielleicht hatten sie ihre Angebetete gefunden oder sie waren gegangen. Einige Damen waren verschwunden und dafür waren plötzlich andere da. Die Konstante des Geschehens waren Sylvie und Stefan, die sich immer noch unterhielten.  Stefans Gesicht strahlte eine Lebendigkeit aus, die er vorher bei ihm noch nie gesehen hatte. Sylvie sprach, lachte, gestikulierte und vor allem: sie sah Stefan in die Augen. Harry war begeistert.

 

Zwei Tische weiter saß eine dunkelhaarige, ja fast schwarzhaarige sehr schlanke Frau, auf die sich sein Interesse fokussierte. Er sah immer nur ihren Rücken, denn sie unterhielt sich offensichtlich sehr interessiert mit einem Mann, vielleicht Ende dreißig wie Stefan, der sehr sympathisch aussah. Harry fuchste, dass sich die Frau nie umdrehte. Er sah nur ihr Oberteil, das zu einem Rock oder einem Kleid gehörte, er konnte es nicht sehen. Aber irgendwie kamen ihm die Schultern bekannt vor, die ganze Form dieses Rückens und dann bemerkte ihre Kopfform, nur die Frisur war anders.  Er hatte sie schon mal gesehen. Harry wurde unruhig. Er spürte, dass es mehr war, als diesen Rücken und die Form des Kopfes schon mal gesehen zu haben. Harry hatte das Gefühl, diesen Kopf, den Hals und den Rücken genau zu kennen. Er wusste sein Gefühl nicht einzuordnen. Die junge Frau war sehr attraktiv, wie er fand. Trotzdem machte sich ein Gefühl des Ekels in ihm breit, wenn er daran dachte vielleicht mit ihr schlafen zu wollen. Er spürte  eine merkwürdige vertraute Nähe zu ihr, obwohl er sie ja gar nicht kannte.  Er zweifelte an seinem Verstand. Reichte neuerdings schon die Begleitung eines Priesters, um ihm die Lust zu vertreiben?

 

Und dann kam alles auf ein Mal. Die Frau und der Mann standen auf. Die Frau drehte sich um. Sie suchte offensichtlich Sabine, um zu fragen, welches Zimmer gerade frei war. Das Ganze passierte während weniger Sekunden.

 

Sabine war am Eingang des Clubs, um einen neuen Gast zu begrüßen. Die Frau sah Sabine an und Harry saß auf dem dunkelroten Sofa genau dazwischen.  Er sah in ihr Gesicht und dann wandte er sich um und sah Sabine an.

 

Sabine erkannte an Harrys Gesichtsausdruck die nahende Katastrophe, ohne zu wissen, worum es ging. Stefan unterbrach seinen Flirt mit Sylvie. Stefan war erfahren, wenn es um Katastrophen ging. Man hätte ihn in ein Dschungelcamp von  RTL stecken können aber leider in kein Mädcheninternat. Ganz behutsam löste er sich aus seiner Umarmung mit Sylvie und war sozusagen sprungbereit.

 

Harry sah in ihr Gesicht. Andrea sah in an, unvermittelt, überrascht. Das Gesicht der Frau erstarrte zu Eis. "Papa?", war das Einzige, was Andrea ungläubig herausbrachte. "Papa?" Sie stand da in ihrem kurzen schwarzen Kleid, das weit über den Knien endete und die Nylons mehr als andeutete. "Entschuldige bitte", sagte Sabine zu dem Gast, den sie gerade einlassen wollte. Sabine lief auf Andrea zu. Stefan guckte erst ein bisschen blöd. Er hatte Ladehemmung, wenn die Katastrophe jetzt und hier eintrat, denn wirkliche Katastrophen kannte er nicht, nur die Erzählungen darüber. Jetzt hatte er begriffen, dass diese Situation Wirklichkeit war.

 

Er sagte Sylvie kurz, was er vermutete. Dann schoss er zu der Couch, Harry war aufgestanden, sah seiner Tochter zuerst mit ehrlicher Verwunderung in die Augen. Als sein Bewusstsein die Person und den Ort und dessen Bedeutung übereinander bekommen hatte, sah er sie mit blanker Wut  an. Sie konnte dieser Wut, die sie in seinem Gesicht, das sie sehr gut kannte, blitzschnell dechiffrieren.

 

Sie war nicht in der Lage gegenüber seiner Wut Widerstand zu leisten und brach weinend zusammen. Ihre Spiel-Utensilien, die Dessous, waren bedeutungslos geworden, sie fühlte sich einfach nur nackt.

 

Dass er, Harry, auch hier war, konnte er nicht verstehen. Denn in diesem Moment war er der Papa von Andrea. Er war es, egal ob er sich gerade auf dem Mars oder in dieser Location befand. Es konnte nicht sein, dass sie eine von denen war, den Huren, den Escorts. Noch schlimmer war für Harry, dass er ein Klient, ein Freier genau in diesem System auf seine Tochter getroffen war. So verband sich die Wut auf seine Tochter mit der Wut auf sich selbst  und das alles in Sekundenschnelle. Das Gemisch dieser Empfindungen war hochexplosiv und gut für einige Jahre Knast. Wenn es dazu gekommen wäre.

 

Denn in diesem Moment hatte Stefan Harry einfach umgestoßen und auf die Couch gedrückt. Harry schlug Stefan ins Gesicht und überall hin, aber Harrys Schläge waren unkonzentriert.  So trafen sie Stefan schmerzhaft, aber nicht ernsthaft.